Das Scribble

Eine Zeichnung entsteht nicht einfach so. Sie wächst – schrittweise.

Fünf oder sechs Schritte sind es:

  1. die Idee
  2. das Scribble
  3. der Entwurf
  4. die Vorzeichnung
  5. die lineare Reinzeichnung
  6. der Ton – Grauton oder Farbe

Es heisst zwar: „C’est le ton qui fait la musique“. Doch im Zeichnen braucht es nicht immer den Ton. Auch bei einer gekonnt gemachten linearen Reinzeichnung kann die Musik schon wunderbar spielen!

Doch wenn jemand glaubt, auch den zweiten Schritt, das Scribble, weglassen zu dürfen – oder dass Scribble und Entwurf dasselbe sei, ist das ein Irrtum und kann die Ursache für leblose Reinzeichnungen sein.

Es gibt alle möglichen Ideen – auch Schnapsideen. Davon ist hier nicht die Rede. Ist die Idee einer Zeichnung würdig, ist sie etwas Wunderbares – eine Inspiration. Das Wort kommt vom Lateinischen „inspirare“ = „einhauchen“. Ein Hauch ist leicht und luftig. Um damit umzugehen, braucht es ein leichtes Werkzeug – das Scribble.

Das Scribble kümmert sich nicht darum, ob es Tante Agnes gefällt oder nicht. Es dient einzig und allein der Idee und schert sich einen Deut um „richtig oder falsch“. Es hat nur einen Zweck: die Idee einzufangen – egal wie! Aus dem Chaos der Scribble-Striche entwickelt sich dann Schritt für Schritt die endgültige Zeichnung. Die Kunst dabei ist, die Idee und möglichst viel ihrer ursprünglichen Lebendigkeit in die Reinzeichnung hinüberzuretten!

 

Das Scribble ist ein quicklebendiges Kind von herzerfrischender Natürlichkeit. Die Reinzeichnung ist der Erwachsene. Ordentlich und anständig, aber auch angepasst und oft etwas langweilig. – So wie das Kind unvermeidlich zum Erwachsenen wird, so entwickelt sich aus dem Scribble eine Reinzeichnung. Doch schön ist es, wenn noch ein wenig Kind im Erwachsenen – und möglichst viel Scribble in der Reinzeichnung erhalten bleibt!