Der Verpassnix - Cartoon

Die Perfektionismaus

Der Trick der Perfektionismaus ist ganz einfach: Sie macht sich unzählige Normen und Regeln zunutze, die unbedingt befolgt – und Ansprüche, die unbedingt erfüllt werden müssen. Bei jedem Fehltritt oder Scheitern ist ein Tribut an die Perfektionismaus zu bezahlen – und zwar mit Lebensfreude.

Schon früh in der Kindheit schlich sich dieser üble Krakla auch in mein Leben, um sich an meiner prallen kindlichen Lebensfreude gütlich zu tun. Zum Beispiel sonntags, wenn ich die schönen Kleider anziehen musste. Das war stets verbunden mit der strengen Auflage, diese nicht schmutzig zu machen. Dem Anspruch konnte ich selten genügen, dafür trug ich die Perfektionismaus den ganzen Tag mit mir herum, was meinen Aktionsradius und den Spass am Sonntag erheblich einschränkte.

Später in der Schule war das geometrische Zeichnen ein wahres Eldorado für die Perfektionismaus. Unter der Fuchtel eines cholerischen Lehrers wurde das Hantieren mit Zirkel, Lineal und Tusche zu einem schrecklichen Abenteuer. Ganz besonders für einen Klassenkameraden, der stotterte. Bei ihm waren Kleckse auf der Zeichnung so sicher wie das Amen in der Kirche.  Es war in einer dieser Folterstunden, als wir den Lehrer auf einmal schimpfen hörten: “ Itz tuet doch dä Löu ä Tougge mit em Zirkuschpitz usgrüble!“ („Jetzt kratzt doch dieser Depp einen Klecks mit der Zirkelspitze aus!“). Man kann nur ahnen, in welcher Gemütsverfassung der arme Junge zu dieser verzweifelten Methode griff.

So wirkten die Erziehungsberechtigten – selber schon längst Opfer der Perfektionismaus – ungewollt als ihre Agenten. Als erwachsener Mensch wird man selber zu einem solchen und plagt dadurch sich selber und seine Nachkommen. Die Welt soll uns als das sehen, was wir gerne wären: Makellose, strahlende Gewinner!

 

Leider sind wir das nicht so oft, wie wir es gerne hätten. So lauert die Perfektionismaus in der breiten Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit und ernährt sich reichlich von der Lebensfreude, die da ständig hinunterfällt. Diese Erkenntnis gibt uns nun den Hinweis darauf, wie wir diesen fiesen Krakla loswerden können: Einfach die Kluft dicht machen!

Wenn du nicht gerade den El Capitan als Freeclimber*in besteigst oder als Hochseilartist*in ohne Netz arbeitest, wird ein Fehler dich kaum umbringen. Das heisst, das Leben geht weiter. Neue Chancen – neues Glück! Daher kannst du, wenn wieder mal ein Fehler passiert oder du einem Anspruch nicht genügst, viel Druck wegnehmen mit der simplen Frage „Na und?“

Ausserdem ist es hilfreich, das Wort „Fehler“ in „Erfahrung“ umzubenennen. So machst du aus der Scheisse Dünger – salopp ausgedrückt. Oft sind es gerade die Fehler – oder besser gesagt, die Erkenntnisse daraus – welche zum Erfolg führen. Da kann ich selber ein Lied davon singen! – Kennst du die Geschichte von dem Angestellten, der bei seiner Arbeit so grossen Mist baute, dass es die Firma eine Million kostete? Als er deswegen die Kündigung einreichen wollte, sagte der Chef: „Sind Sie verrückt? Jetzt haben wir gerade eine Million in Ihre Ausbildung investiert!“

Auch wenn wir nicht perfekt sind – oder gerade deswegen – sind wir liebenswerte Helden und Heldinnen des Alltags! In dem Masse, wie wir diese Einstellung gewinnen, kommt der Humor und die Lockerheit ins Leben zurück – und damit etwas von der Lebensfreude, die uns die Perfektionismaus geklaut hat.