Der nackte Angstling

Man muss sich den nackten Angstling als eine Art Mischung zwischen gerupftem Huhn und Geier vorstellen. Anstelle von Krallen hat er jedoch Füsse wie die Gummistöpsel, die für das Entstopfen von Abflussrohren gebraucht werden.

Befällt der nackte Angstling einen Menschen, setzt er sich auf dessen Kopf. Mit seinen Stöpselfüssen verschliesst er Augen und Ohren seines Opfers. Wenn ausserdem Mund und Nase von einer Gesichtsmaske verdeckt werden, bleibtvon den fünf Sinnen nur der Tastsinn übrig. Das mag der Grund sein, warumsich das Leben der Menschen zusehends auf die Tastatur von Computer und Handy verlagert.

Doch da ist noch eine zweite Auswirkung dieses Kraklas. In der griechischen Mythologie wird erzählt, wie der Göttervater Zeus den Titanen Prometheus bestrafte, weil dieser den Menschen verbotenerweise das Feuer brachte: Er wurde an einen Felsen geschmiedet, und ein Adler ass jeden Tag seine Leber, die aber immer wieder nachwuchs. Ähnlich wie dieser Adler wirkt der nackte Angstling. Mit seinem grossen Schnabel frisst er allerdings nicht die Leber, sondern das Herz. Da das Herz als Sitz der Seele gilt, sagen die Indianer „Angst essen Seele“.

Solche Seelennahrung findet der nackte Angstling reichlich. Deshalb macht er entsprechend viele Häufchen. Diese werden von Spezialisten eifrig aufgesammelt und gründlich untersucht. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden alsdann in den Medien verbreitet. In der Atmosphäre, die dadurch entsteht, fühlt sich der nackte Angstling überaus wohl und vermehrt sich fleissig.

So kommt es, dass statt der Hüte, die früher in Mode waren, heute überall nackte Angstlinge auf den Köpfen sitzen. Zwar können diese – wie alle Kraklas – nur von wenigen Menschen gesehen werden. Der von ihnen angerichtete Schaden ist hingegen für alle sichtbar.

Die Frage ist: Was kann ich tun, damit mich der nackte Angstling nicht befällt – oder wie werde ich ihn los, wenn dies schon geschehen ist?

Die Indianer haben auch hierzu einen weisen Spruch: „Atem essen Angst“. Tief durchatmen ist sicher eine gute Idee. Das schafft Ruhe und verhilft zu klarem Denken. Wenn du ausserdem dafür sorgst, dass Augen, Ohren und Herz offen bleiben, wird es ungemütlich für den nackten Angstling. Weil er sich bei seinem Tun ungern beobachtet fühlt, kommt er dir nicht in die Nähe. Sollte er sich schon auf deinem Kopf eingerichtet haben, wird er bald das Weite, bzw. ein anderes Opfer suchen.

Wenn du dich dauerhaft vor diesem unangenehmen Krakla schützen möchtest, bastelst du dir am besten dein persönliches Heilmittel-Alphabet. Das kann – gemäss dem Rat der Indianer – bei A wie Atem beginnen und zu B wie Bewusstsein weitergehen. Kreativ wie du bist, findest du bestimmt zu vielen weiteren Buchstaben wirksame Mittel. Zum Beispiel F wie Freude, O wie Optimismus, wie Vertrauen usw. – Mein Tipp: Versuch es mit S wie Spass und Z wie Zeichnen! Das hält kein Angstling aus!