Zeichnen und Freiheit

Die Freiheit ist ein zarter Schmetterling. Gerät dieser ins Netz der Spinne, ist es vorbei mit dem fröhlichen Gaukeln von Blüte zu Blüte.

Wir Menschen sind keine Schmetterlinge. Meist weniger farbig – und fürs Fliegen sind wir auf Flugzeuge oder andere Himmelsfahrzeuge angewiesen. Auch sind wir nicht so lange auf diesem Planeten wie die Schmetterlinge, die schon vor zweihundert Millionen Jahren den Dinosauriern um die Köpfe geflattert sind. Doch eines haben wir gemeinsam: die Freude an der Freiheit.

Nun gibt es zwei Freiheiten – eine äussere und eine innere.

Die äussere Freiheit ist die Möglichkeit, sich frei zu bewegen und in friedlichem Zusammenwirken mit anderen das zu tun, was uns Freude macht. Dass viele Menschen diese Freiheit nicht haben, weist darauf hin, dass es auch in unserem Leben Spinnen und Netze gibt.

Aus irgendeinem Grund sind diese da. Das gehört zu den Spielregeln, die sich nicht einfach so ändern lassen, so wenig wie das Wetter.

Natürlich kann man klatschnass im Regen stehen und schimpfen. Doch klüger ist es wohl, den Schirm aufzuspannen oder nach drinnen zu gehen.

Diese Überlegung führt zur zweiten – zur inneren Freiheit. Das ist ein wertvoller Schatz. Ob dieser wie im Märchen in einer Höhle verborgen oder wie die Schatztruhe eines Piraten auf einer Karibikinsel vergraben ist – es braucht immer ein Zauberwort oder einen Plan, um zu diesem Schatz zu gelangen. Er liegt nicht einfach offen da.

Als junger Student war ich in Rom auf einer Exkursion für Kunstgeschichte. Ein eindrückliches Erlebnis war es für mich jeweils, eine Kirche zu besuchen. Die Hitze, das Hupen der Autos, der Lärm der Stadt – all das verschwand, sobald die schwere Eingangstüre der Kirche geschlossen wurde. Ruhig und kühl war es drinnen.

Ein wenig so verhält es sich mit der inneren Freiheit. Mit dem Unterschied, dass nicht eine, sondern mehrere Türen hineinführen. Und ja, das Zeichnen ist eine davon.