Da sein

Als junger Student hatte ich einmal ein Erlebnis, dessen Bedeutung ich erst später erfassen konnte: Auf einem Spaziergang kam ich an einem eigenartigen Weg vorbei. Es war ein gepflegter, gerader Kiesweg, doch er war nur wenige Meter lang. An beiden Enden dieser kurzen Strecke stand ein Strassenschild – ein richtiges, genauso wie man es kennt. Der Name einer Person stand drauf, ich weiss nicht mehr welcher, und darunter ein Spruch:

Da sein heisst dort sein können. 

Ich fand es ausgesprochen lustig, dass sich jemand mit einem eigenen Weg ein Denkmal gesetzt hatte. Doch aus dem Spruch konnte ich mir keinen Reim machen. Das „da“ und das „dort“ wollten in meinem Studentenkopf nicht so recht zusammenpassen. Erst später habe ich den Sinn verstanden.

Es mag in der Stadtgärtnerei gewesen sein, wo ich versuchte, die Schönheit einer zarten Wicke mit dem Aquarellpinsel zu erfassen. Oder im Tierpark beim schnellen Skizzieren eines Büffels, der nie stillstehen wollte. Auf einmal konnte ich verstehen, was mit jenem seltsamen Spruch gemeint war.

Es heisst, dass du der Baum sein musst, wenn du den Baum zeichnen willst. Ein Mensch, der in seinem Kopf steckt, kann keinen Baum zeichnen, weil er ihn nicht wirklich sieht. Er sieht nur das Gedankenkarussell im Kopf.

Wenn wir nun etwas mit völliger Hingabe tun, kann es diesen Gnadenmoment geben: Das Karussell hört plötzlich auf, sich zu drehen. Wir sind weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft, sondern einfach da. Das ist ein schöner, friedlicher und glücklicher Augenblick.

Das Zeichnen, namentlich das Live-Karikieren, wo es so schnell geht, dass der Verstand oft gar nicht mehr mitkommt, hat mir immer wieder solche Gnadenmomente geschenkt. Die Erkenntnis daraus konnte ich aufs ganze Leben übertragen: In dem Masse, wie wir da sind, vermögen wir etwas wirklich zu erfassen. Das kann eine Wicke sein, ein Büffel – oder ein Mensch.

Wenn Hermann Hesse in Montagnola, wo er lebte, mit seinem Strohhut selbstvergessen in der Natur draussen sass und seine Aquarelle malte, mag er die folgenden Worte gefunden haben:

Im Augenblick, da das Wollen ruht und die Betrachtung aufkommt, das reine Sehen und Hingegeben sein, wird alles anders. Der Mensch hört auf, nützlich oder gefährlich zu sein, interessant oder langweilig, gütig oder roh, stark oder schwach. Er wird Natur, er wird schön und merkwürdig wie jedes Ding, auf das reine Betrachtung sich richtet. Denn Betrachtung ist ja nicht Forschung oder Kritik, sie ist nichts als Liebe. Sie ist der höchste und wünschenswerteste Zustand unserer Seele: wunschlose Liebe.