Der Verpassnix

Der Verpassnix

Der Verpassnix - Cartoon

Der Verpassnix

Wer kennt sie nicht, die Gallier Asterix und Obelix? Auch andere Bewohner des unbeugsamen gallischen Dorfs sind wohl ein Begriff: Der Druide Miraculix, der gewichtige Häuptling Majestix, der bedauernswerte Barde Troubadix oder der alte Methusalix. – Doch hast du schon jemals etwas von Verpassnix gehört? Wohl kaum, denn er gehört nicht zum bunten Haufen in jenem gallischen Dorf. – Verpassnix ist der Name eines Kraklas, und er lebt mitten unter uns!

Der Verpassnix sitzt weder auf dem Kopf wie der Nackte Angstling, noch auf der Schulter wie das Graue Männchen. Er pflanzt sich auch nicht auf dem Weg zu unserem Ziel auf wie der Vorwandler, hockt nicht auf dem Pendenzenberg wie der Verschieberbiber oder auf unserem Schoss wie der Couch Potato. – Der Verpassnix ist überall!

Er verursacht einen Zustand, der inzwischen sogar einen psychologischen Fachbegriff bekommen hat: FOMO. Was so harmlos daherkommt wie der Name eines Waschmittels, ist die Abkürzung von „Fear Of Missing Out“ – die Angst, etwas zu verpassen. Es ist eine Grundangst des Menschen, nicht mithalten und mitreden zu können und den Anschluss zu verpassen. – Der Kraftklauer Verpassnix lebt von dieser Angst wie die grauen Herren im Märchen „Momo“ von den Zigarren aus getrockneten Zeitblumen.

 

Das Handy ist bei vielen Menschen inzwischen ein Körperteil geworden, und ohne Internet geht gar nichts mehr. Der Verpassnix ist froh darum. Wie ein Wegweiser mit Hunderten von Schildern zeigt er gleichzeitig in alle Richtungen auf eine überwältigende Fülle von Informationen, Angeboten und sozialen Verpflichtungen. Alles spannend, verlockend und wichtig. Da will man nicht im Abseits stehen!

So wird das Lebensrad grösser und grösser – und damit auch das Tempo auf der Umlaufbahn. Die Zentrifugalkraft reisst die Menschen aus ihrer Mitte heraus. Ein Wäschetrockner, der nicht das Wasser, sondern die Lebenskraft entzieht. Im Bemühen, nichts zu verpassen, wird alles verpasst. Wer überall sein will, ist nirgends richtig und fällt zwischen Stuhl und Bank.

Wenn der Verpassnix ein Kraftklauer ist und nach aussen zeigt, würde der Weg zur Kraft wohl nach innen gehen. Man müsste die Frechheit haben, gegen den Mainstream zu schwimmen: Dinge weglassen, das Tempo und die Zentrifugalkraft reduzieren. Wer diesen Weg geht, könnte die Erkenntnis gewinnen, dass in der Mitte zu finden ist, was im Aussen so fieberhaft gesucht wird. Nix verpasst – alles gefunden. Das Leben kann beginnen!

Da sein

Da sein

Als junger Student hatte ich einmal ein Erlebnis, dessen Bedeutung ich erst später erfassen konnte: Auf einem Spaziergang kam ich an einem eigenartigen Weg vorbei. Es war ein gepflegter, gerader Kiesweg, doch er war nur wenige Meter lang. An beiden Enden dieser kurzen Strecke stand ein Strassenschild – ein richtiges, genauso wie man es kennt. Der Name einer Person stand drauf, ich weiss nicht mehr welcher, und darunter ein Spruch:

Da sein heisst dort sein können. 

Ich fand es ausgesprochen lustig, dass sich jemand mit einem eigenen Weg ein Denkmal gesetzt hatte. Doch aus dem Spruch konnte ich mir keinen Reim machen. Das „da“ und das „dort“ wollten in meinem Studentenkopf nicht so recht zusammenpassen. Erst später habe ich den Sinn verstanden.

Es mag in der Stadtgärtnerei gewesen sein, wo ich versuchte, die Schönheit einer zarten Wicke mit dem Aquarellpinsel zu erfassen. Oder im Tierpark beim schnellen Skizzieren eines Büffels, der nie stillstehen wollte. Auf einmal konnte ich verstehen, was mit jenem seltsamen Spruch gemeint war.

Es heisst, dass du der Baum sein musst, wenn du den Baum zeichnen willst. Ein Mensch, der in seinem Kopf steckt, kann keinen Baum zeichnen, weil er ihn nicht wirklich sieht. Er sieht nur das Gedankenkarussell im Kopf.

Wenn wir nun etwas mit völliger Hingabe tun, kann es diesen Gnadenmoment geben: Das Karussell hört plötzlich auf, sich zu drehen. Wir sind weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft, sondern einfach da. Das ist ein schöner, friedlicher und glücklicher Augenblick.

Das Zeichnen, namentlich das Live-Karikieren, wo es so schnell geht, dass der Verstand oft gar nicht mehr mitkommt, hat mir immer wieder solche Gnadenmomente geschenkt. Die Erkenntnis daraus konnte ich aufs ganze Leben übertragen: In dem Masse, wie wir da sind, vermögen wir etwas wirklich zu erfassen. Das kann eine Wicke sein, ein Büffel – oder ein Mensch.

Wenn Hermann Hesse in Montagnola, wo er lebte, mit seinem Strohhut selbstvergessen in der Natur draussen sass und seine Aquarelle malte, mag er die folgenden Worte gefunden haben:

Im Augenblick, da das Wollen ruht und die Betrachtung aufkommt, das reine Sehen und Hingegeben sein, wird alles anders. Der Mensch hört auf, nützlich oder gefährlich zu sein, interessant oder langweilig, gütig oder roh, stark oder schwach. Er wird Natur, er wird schön und merkwürdig wie jedes Ding, auf das reine Betrachtung sich richtet. Denn Betrachtung ist ja nicht Forschung oder Kritik, sie ist nichts als Liebe. Sie ist der höchste und wünschenswerteste Zustand unserer Seele: wunschlose Liebe.

Matto

Sardinen

Sardinen

Der Kartoffelpoet Cartoon

Sardinen

Das Befreiende am Cartoonzeichnen ist, dass es uns erlaubt, Grenzen zu sprengen! Fröhlich setzen wir uns über Einschränkungen hinweg und erschaffen mit eigenen Spielregeln einen Freiraum – das „Cartoonland“, wie ich es gerne nenne. 

Mit der Kraft unserer Phantasie können wir ganz alltägliche Dinge verzaubern. In der Vorstellung und auf dem Zeichenpapier erfinden wir Verrücktes und rücken damit die Normalität etwas zur Seite, so dass die Seele wieder mehr Platz findet.  Eine Wohltat für uns – und andere, die daran teilhaben wollen. 

 

Und das wollen viele! Wie sonst ist es zu erklären, dass „Alice im Wunderland“ – diese total verrückte Geschichte, die Lewis Carroll 1865 in die Welt gesetzt hat – zu einem der bekanntesten Bücher geworden ist?

In der Serie „Das geheime Leben der Lebensmittel“ habe ich diesen Freiraum genüsslich ausgekostet. Vegetarisches und Nichtvegetarisches diente als Inspirationsquelle. So auch eine schlichte Sardinenbüchse. Sie brachte mich zu philosophischen Betrachtungen über deren Inhalt und das Thema „Dichtestress“.

Der Gilb

Der Gilb

Der Gilb

Der Gilb

Die Kraklas bewirken zwar alle dasselbe – sie zapfen Lebenskraft ab. Doch die einen – wie z.B. der Schwarzmaler oder der Coronakrake – treten laut und deutlich auf, die anderen dagegen wirken heimlich, still und leise aus dem Hintergrund. Der Gilb gehört zu dieser Sorte. 

Nun gibt es verschiedene Dinge, die vergilben können. Während wir dies bei alten Fotos als naturgegeben akzeptieren – können wir vergilbte Wäsche mit entsprechenden Mitteln behandeln. Zum Beispiel mit „Wäscheblau“, einer praktischen Anwendung des Farbkreises: Durch den Einsatz der Komplementärfarbe Ultramarinblau wird Vergilbtes wieder strahlend weiss! 

Als kleiner Junge habe ich mich immer gewundert, warum manchmal ältere Damen nicht nur mit dauergewellten, sondern auch mit blau-violetten Haaren aus dem Coiffeursalon kamen. Vielleicht wurde hier – im Bemühen, gelbliche Haare wieder weiss zu machen – dasselbe Mittel etwas überdosiert angewendet?

Doch die Rede ist hier nicht von Kunstgriffen und Kunstfehlern, sondern vom Krakla „Gilb“. Dieser ist weder in alten Fotoalben, noch im Wäscheschrank anzutreffen, sondern im Leben der Menschen, wo er sich einnistet wie der Schimmelpilz in den Wänden einer Wohnung.

Er befällt vorwiegend den erwachsenen Menschen, d.h. einen, der Bescheid weiss und daher das kindliche Erleben durch kluge Erfahrung ersetzt. Diese hat er abgespeichert und holt sie bei Bedarf hervor. So kann er z.B. die Arbeit oder seine Beziehungen energiesparend bewirtschaften. Eine Art Lebens-App. An diesem genialen Tool macht sich der fiese Gilb klammheimlich zu schaffen und saugt mit seinem Rüssel nach und nach die Farben ab. So vergilbt das Leben des vom Gilb befallenen Menschen langsam aber sicher. Und mit den Farben verschwindet die Freude aus seinem Dasein. 

Wie bei allen Kraklas gibt es auch für den Gilb ein Gegenmittel. Nach dem Motto „Wehret den Anfängen“, sollte dies jedoch zum Einsatz kommen, bevor alles vergilbt ist, denn dann ist es meist zu spät. Die Rettung besteht im rigorosen Entsorgen der befallenen Lebens-App und einer Flucht in die Gegenwart. Denn das Hier und Jetzt ist der einzige Ort, den der Gilb nicht zu betreten wagt. 

Diesen Ort findest du am besten, indem du dasselbe tust wie die Kinder, die immun sind gegen den Gilb: Mit Hingabe spielen! Mit was auch immer. – Es kann auch ein Zeichenstift sein!

Eigenlob

Eigenlob

„Eigenlob stinkt!“ Wer hat diesen verbalen Hammer nicht schon gehört oder gar selber in der Kindheit zu spüren bekommen? In der wohlmeinenden Absicht, die Tugend der Bescheidenheit zu fördern, gibt manch eine Mutter, ein Vater oder sonst eine Autoritätsperson diesen Glaubenssatz einem Kind mit auf den Lebensweg. 

Offenbar stinkt niemand gerne, denn Eigenlob erlebt man selten. Die Selbstabwertung hingegen ist weit verbreitet. Wir sind gut geübt darin, uns kleiner zu machen als wir sind! Nun frage ich mich: Wenn Eigenlob stinkt – wie riecht dann wohl Selbstabwertung? Nach Lavendel oder Rosen? 

Doch werfen wir lieber noch einen Blick auf das Eigenlob. Wie wäre es, wenn du dir ab und zu ein solches gönnen und beobachten würdest, welcher Duft sich dann verbreitet? Du brauchst das Lob natürlich nicht laut auszusprechen – schon gar nicht andern gegenüber, du liebe Zeit! So weit wollen wir dann doch nicht gehen! Aber einfach so im Stillen, für dich allein.

 

 

Das kann aus irgendeinem Anlass sein, immer und überall im Leben. Besonders gut lässt sich ein Eigenlob anbringen, wenn du zeichnest, weil es da viele Gelegenheiten gibt, Fehler zu machen. Statt gleich den Zweihänder der Selbstabwertung auszupacken, könntest du es mal mit Eigenlob versuchen. Auch wenn bei einer Zeichnung noch nicht alles gelingt – ein Teil davon ist gut! Darauf – und nicht auf die Fehler – richte das Augenmerk und klopfe dir auf die Schulter! Das macht dem Fortschritt Beine und gibt Mut! Noch vorhandene Fehler kannst du korrigieren, einen nach dem andern. So werden deine Zeichnungen zusehends besser, und die Spirale nach oben beginnt sich zu drehen!

Das Eigenlob ist besser als sein Ruf. Mach es zu deinem Verbündeten – und die Selbstabwertung kann verduften!

Matto