Geben und nehmen

Geben und nehmen

Mensch mit zugeknöpften Taschen,
dir tut keiner was zulieb.
Hand wird nur von Hand gewaschen,
wenn du nehmen willst, dann gib!

(Johann Wolfgang von Goethe)

Was Goethe mit diesem Vers so deutlich ausdrückt, betrifft wohl das Geld. Doch diese Aussage lässt sich direkt aufs Zeichnen übertragen. Das erlebe ich selber seit vielen Jahren immer wieder, deshalb möchte ich diese Erfahrung hier gerne mit dir teilen.

Beim Zeichnen gibt es so etwas wie einen Fluss. Er kommt aus einer Quelle und fliesst irgendwo hin. Die Quelle ist die Inspiration. Das ist vielleicht nur eine vage Idee. Erst im nächsten Schritt – in der Kreation – nimmt sie eine bestimmte Form an. Dann folgt das Dritte: die Kommunikation.

Wenn du eigentlich gerne zeichnen würdest, aber irgendwie feststeckst, der Zeichenstift in der Schachtel bleibt und die Muse dich partout nicht küssen will, dann liegt da der Hase im Pfeffer: Der Fluss fliesst nicht. 

 

Im stillen Kämmerlein für dich allein zu zeichnen mag schön, entspannend oder lustvoll sein. Doch wenn deine Werke in der Schublade bleiben, stockt irgendwann der Fluss. Es fehlt der dritte Punkt – die Kommunikation.

Hier kannst du den Hebel ansetzen: Finde einen Zweck für deine Zeichnungen, befreie sie aus der Schublade und mach etwas damit – am besten anderen Menschen eine Freude! Das gibt dem Fluss ein Ziel, und er kann zu fliessen beginnen!

So knöpfst du deine Taschen auf. Du gibst – und als Belohnung wirst du bekommen, was sich nicht erzwingen lässt: die Inspiration für immer neue Kreationen. Versuch’s, bei mir funktioniert es!

 

 P.S.
Wenn du das Gefühl hast, deine Zeichnungen seien nicht gut genug und müssten deshalb in der Schublade bleiben, komm in die Cartoonschule. Ich helfe dir gerne, den Fluss in Gang zu bringen!

Die drei heiligen Räume – der innere Raum

Die drei heiligen Räume

Der dritte der drei heiligen Räume ist der wichtigste. Ohne ihn nützen die zwei anderen Räume nicht viel. So wie ein Stuhl mindestens drei Beine braucht, wenn er stehen soll, ist es notwendig, dass du dir einen dritten Raum schaffst – wenn du nicht wackeln willst.

Der dritte Raum – der innere Raum
Der dritte Raum ist unabhängig von Ort und Zeit. Er ist überall und jederzeit bei dir. Das heisst allerdings nicht, dass er dir immer zur Verfügung steht. Eher nicht. Du musst ihn zuerst entdecken und öffnen – deinen inneren Raum.

Es gibt ein Dreieck, ich nenne es das „Trigon der Ruhe“. Wenn du die ersten zwei Punkte – den äusseren Raum und den Zeitraum – erschaffen hast, steht dir die grösste Aufgabe bevor: den dritten Punkt zu erobern. Erst dann wird das Ganze zu einem Dreieck, und erst dann kehrt Ruhe ein.

Unsere pausenlos ratternde Denkmaschine ist es, die diese Ruhe stört. Der Verstand, der sich vom nützlichen Diener zum tyrannischen Herrscher aufgeschwungen hat, liebt Probleme. Deshalb schafft er ständig welche und macht viel Lärm und Betriebsamkeit. Damit versperrt er den Zugang zum inneren Raum, wie der Drache im Märchen den Eingang zur Schatzkammer.

Meditation ist der Zauber, mit dem du den dicken Drachen in eine freundliche Fee verwandelst. Sie gibt dir den Schlüssel, mit dem du das Tor zu deiner Schatzkammer öffnen kannst.

„Es führen viele Wege nach Rom“, heisst es. So gibt es auch viele Arten zu meditieren. Es muss nicht immer im Lotussitz sein! Das Zeichnen selber kann zur Meditation werden – wie jede Tätigkeit, die du mit Hingabe ausübst.

Selber meditiere ich täglich – oder nächtlich – im stillen Kämmerlein. Doch dort darf die Meditation nicht bleiben. Meines Erachtens hat sie erst dann einen Wert, wenn sie ins praktische Leben übergeht. Zu diesem Zweck habe ich mir ein Spielfeld geschaffen: Das Zeichnen. Und ganz besonders die Live-Karikaturen. Das heisst, Menschen treffend und schnell zu karikieren. Nicht in der geschützten Werkstatt des Ateliers, sondern mitten unter den Menschen. Im Trubel einer Publikumsmesse, im lärmigen Bierzelt, auf der Bühne, auf einem Ausflugsschiff oder im noblen 5-Sterne-Hotel. Über dreissigtausend Karikaturen habe ich in den vergangenen dreissig Jahren auf diese Weise gezeichnet.

Das sei hier nicht erwähnt, um mich zu beweihräuchern. Ich möchte damit nur sagen, dass ich diese anspruchsvolle Form des Zeichnens, in allen möglichen Umgebungen und zu jeder Tageszeit, nicht geschafft hätte ohne das „Trigon der Ruhe“. Und dieses hätte ich nicht gehabt ohne den dritten Punkt – den inneren Raum – den ich mir nach und nach erschlossen habe.

Nun brauchst du dein tägliches Brot nicht mit Live-Karikaturen zu verdienen. Wenn du zeichnest, tust du dies zur Freude, und das ist gut so! Dennoch, du kannst diese Freude und die Qualität deiner Zeichnungen erheblich steigern, wenn du nicht nur einen Ort im Aussen und etwas Zeit in deiner Agenda findest, sondern auch deinen inneren Raum.

Und du wirst merken, dass sein Segen weit über das Zeichenbrett hinauswirkt: Du kannst jede Tätigkeit – so gering sie erscheinen mag – veredeln, wenn sie aus diesem heiligen Raum heraus geschieht.

Die drei heiligen Räume – der Zeitraum

Die drei heiligen Räume

Im letzten Newsletter haben wir den ersten Raum angeschaut, den du fürs Zeichnen benötigst, den Raum als Ort: Das Atelier, die Ecke im Wohnzimmer – oder den Küchentisch.

Hier wollen wir einen Blick auf den zweiten Raum werfen, den du fürs Zeichnen brauchst.

Der zweite Raum – der Zeitraum
Es wird gesagt, der Feind der Liebe sei die Zeit. Das kann sehr wohl aufs Zeichnen übertragen werden. Genau betrachtet ist – wie bei der Liebe – nicht wirklich die Zeit der Feind, sondern das Fehlen von Zeit.

Willst du zeichnen, schiebt sich oft ein grosses rotes T dazwischen und gräbt dem guten Vorsatz das Wasser ab, so dass nur noch ein Rinnsal übrigbleibt, das schliesslich ganz versiegt:

ZEITCHNEN

Wenn das immer wieder geschieht, solltest du dir als erstes eine Frage stellen:
  • Will ich wirklich zeichnen?
Beantwortest du diese Frage mit einem klaren JA, ist die zweite Frage fällig:
  • Warum will ich zeichnen?
Das ist die entscheidende Frage! Die Antwort darauf ist deine Motivation.
Motivation kommt vom Lateinischen „movere“ = bewegen. Je grösser deine Motivation ist, umso stärker ist dein Motor, und umso besser kommst du vorwärts!

 

Wenn wir noch etwas mehr Wortklauberei betreiben wollen: Zeichnen kann eine wunderbare Erfahrung sein. Der Begriff „fahren“ steckt in diesem Wort. Das Zeichnen ist tatsächlich eine Fahrt. Diese findet – vor allem am Anfang – nicht immer bei Sonnenschein in einer topfebenen Landschaft statt. Es sind all die Steigungen des technischen Könnens zu überwinden. Enttäuschungen kann es regnen, und vielleicht bläst dir der Gegenwind der Selbstabwertung ins Gesicht. Das sind alles Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Die Motivation ist dein Motor, der dich da hindurchbringt. Dann ist das Zeichnen eine wunderbare Chance zum Wachsen!

Hast du eine Antwort auf die zweite Frage gefunden?
Dann folgt die dritte:

  • Wo finde ich die Zeit zum Zeichnen?

Die Agenda ist wie eine Kommode. Meist gibt es keine leeren Schubladen da drin. Willst du etwas Neues hineinpacken, muss das Alte zusammenrücken – oder etwas davon muss raus. So ist es mit der Zeit fürs Zeichnen. Sie ist nicht einfach da. Du musst erst Platz für sie schaffen. Damit es kein Gedränge oder Durcheinander in deinen Zeitschubladen gibt, ist es sinnvoll, etwas rauszuschmeissen. Doch was?

Es sind natürlich nicht die Stunden, die du in deinen Beruf investierst. Auch die sozialen Kontakte sollten nicht zurückgestutzt werden. Diese sind ohnehin meist spärlich dotiert. Was sich anbietet, sind die grossen Zeitfresser. Wir wollen hier keine Namen nennen… Gut möglich, dass sich die Schubladenbewohner, die dafür in Frage kommen, wehren wie der Käfer im Dreck.

Hier entscheidet es sich, wie stark deine Motivation ist und wer letztlich die Oberhand gewinnt.

Die drei heiligen Räume – der Ort

Die drei heiligen Räume

Bei dem Begriff „Raum“, denken wir als erstes an einen Ort, z.B. ein Zimmer. Es gibt aber noch zwei weitere Räume, die wichtig sind, wenn du im Zeichnen auf einen grünen Zweig kommen willst. Diese werden wir in den beiden nächsten Zeichentipps anschauen.

Der erste Raum: der Ort
Was diesen Raum betrifft, gibt es drei Varianten:

Variante A: Das Atelier
Pflegst du Zeichnen als Hobby, kannst du dich glücklich schätzen, wenn dir dafür ein eigener Raum zur Verfügung steht, den du stolz als „mein Atelier“ bezeichnen kannst.

Da du nicht irgendeine mechanische Arbeit verrichtest, sondern kreativ tätig bist, ist es von grosser Bedeutung, dass du dich in deinem Atelier richtig wohlfühlst!

Räume werden von ihren Benutzern mit Leben erfüllt, mit Energie. Diese, wie auch das Licht im Raum – zumindest das künstliche – sowie die Einrichtung kannst du beeinflussen. Doch auch die Umgebung wirkt auf den Raum und seine Energie ein. Dies z.T. massiv in Form von Lärm oder E-Smog.

Die wenigsten können sich ein Traumatelier leisten, bei dem alle Bedingungen stimmen. Mit der richtigen Lichtquelle, einer passenden Einrichtung und geeigneten Massnahmen, um schädliche Strahlungen umzupolen, kann auch ein Raum, der nicht optimal ist, zu einem guten Atelier werden. Details zu erläutern würde hier zu weit führen. Im Rahmen des Cartoon-Clubs oder auch auf Anfrage kann ich dazu gerne mehr Infos geben.

 

Variante B: Die Ecke im Wohnzimmer
Wer keinen eigenen Raum fürs Zeichnen zur Verfügung hat, kann vielleicht eine Ecke im Wohnzimmer als „Atelier“ einrichten und dort möglichst gute Bedingungen schaffen. Genügend Platz, passender Tisch und Stuhl, gutes Licht und ganz wichtig: die Lizenz zum Liegenlassen!

Zeichnungen haben die Eigenart, sich nicht an geregelte Arbeitszeiten zu halten. Oft ist man „Mittendrin“, wenn die Arbeit, das Essen oder was auch immer ruft. Deshalb ist es sehr angenehm, wenn man Skizzen und begonnene Reinzeichnungen bis zum nächsten Mal liegenlassen darf. Auch um zwischendurch mal einen Blick darauf werfen zu können. Anhänger des „kreativen Chaos“ werden es ausserdem geniessen, Stifte, Pinsel und anderes Zeichenmaterial nicht immer wegräumen zu müssen.

Variante C: Die Notlösung
Das ist z.B. der Küchentisch. Diese Variante ist nicht optimal und funktioniert nur bei einer Personalunion von Künstler und Küchenchef, d.h. wenn du allein wohnst. Andernfalls sind Konflikte unausweichlich, wenn das Zeichnen auf derselben Arbeitsfläche stattfinden muss wie das Ausrollen von Pizzateig. Das schafft keine kreative Atmosphäre und setzt einer hoffnungsvollen Zeichenkarriere früher oder später ein Ende. Eher früher.

Ich empfehle in einem solchen Fall ein Upgrade zu Variante B. Dafür braucht es natürlich das Einverständnis der Mitbewohner. Andernfalls bleibt nur ein mutiger Sprung zu Variante A. Oder das Einfrieren der Zeichenkarriere und das Warten auf bessere Zeiten – oder die nächste Inkarnation.

Sich Mühe geben

Sich Mühe geben

„Du musst dir mehr Mühe geben!“
Das ist wohl eine der ungeschicktesten Aufforderungen, die wir als Kinder von den Eltern zu hören bekamen. Wie wenn das Leben nicht schon genug Mühe für uns bereithalten würde! Wir wären besser dazu ermuntert worden, uns mehr von dem zu geben, was eher Mangelware ist: Leichtigkeit, Freude, Liebe…

Im letzten Newsletter wurde an dieser Stelle gesagt, dass Konzentration nichts mit „zusammenreissen“ zu tun hat. Ebenso wenig hilfreich ist es, „sich Mühe zu geben“, beim Zeichnen – oder anderswo. Versuche es lieber mit Lockerheit!

Wenn du dich beim „Zusammenreissen“ und „Mühe geben“ ertappst, leg den Stift ab, atme durch und entspanne deine Kaumuskulatur und was sonst noch verbissen oder verkrampft ist. Dann versuche deine übergrosse Ernsthaftigkeit lustig zu finden. Wenn dir das gelingt, informiere dein Gesicht, damit sich dort ein Lächeln oder wenigstens ein Grinsen breitmacht.

Anschliessend gönne dir eine Portion Ur-Strichmännchen. Das heisst, du zeichnest Strichmännchen wie kleine Kinder! Einfach so – lustvoll und ohne Anspruch auf Richtigkeit. Das ist eine wunderbare Therapie und befreit blockierte Freude. Mach den Versuch, es funktioniert!

Die Konzentration

Konzentration

Ein Stift, Papier und du. Das ist alles, was es zum Zeichnen braucht.

Der Stift ist da, das Papier auch – und du?

Berechtigte Frage. In der Tat sind wir die meiste Zeit nicht da. Wir tummeln uns in der Vergangenheit oder Zukunft. Selten in der Gegenwart.

Verantwortlich dafür ist unser Verstand – ein Angestellter, der auf dem Chefsessel Platz genommen hat. Er verwandelt unser Leben in ein emsiges Grossraumbüro und beschäftigt uns den lieben langen Tag mit seinen Einschätzungen, Kommentaren, Be- und Abwertungen, Vergleichen, Sorgen, Ängsten usw. usw. Im Buddhismus gibt es eine treffende Bezeichnung für diesen ganzen Betrieb: „Monkey mind“.

Das Zeichnen hilft dir, für einige Zeit dem Grossraumbüro zu entkommen. Du ziehst dich zurück in DEINEN Raum. Zeichnen ist Konzentration. Das hat nichts zu tun mit „Zusammenreissen“, senkrechten Stirnfalten, verkrampften Bauchmuskeln und einbetonierten Schulterblättern. Konzentration heisst loslassen, leer werden.

 

Konzentration ist Meditation. Du findest dein Zentrum, deine Mitte. Dort ist Ruhe – und so manches, was du vergeblich im Aussen suchst. Das ist die Eingangspforte zum grenzenlosen Reich der Inspiration – ein Zugang, den du im Lärm des Grossraumbüros vergeblich suchst.

Je besser du dich konzentrieren kannst, umso eher gelingt dir, was du tust – und umso leichteren Zugang hast du zur Quelle der Inspiration. Konzentration ist ein Merkmal von Meisterschaft – im Zeichnen wie im Leben.