Phantasie

Phantasie

Frühling – die Natur ist erwacht. Eine gute Zeit, auch die Phantasie aus dem Winterschlaf zu holen, falls sie noch schlummern sollte! Etwas, das sonst eher ein Ärgernis ist, hilft dir dabei: Der Klecks und der Fleck

Während der Fleck auf ganz unterschiedliche Weise zustande kommt, ist der Klecks ein Tropfen. Nicht der berühmte, der das Fass zum Überlaufen bringt, sondern sein schwarzer, weinroter oder sonst wie farbiger Kollege, der auf eine Oberfläche fällt, wo er nicht hingehört. Vorzugsweise ein weisses Tischtuch oder eine fast fertige Reinzeichnung. 

Nun gibt es den kreativen Ansatz, wie du damit umgehen kannst: Du freust dich an den eigenartigen Formen, die da entstehen und machst mit Phantasie und Zeichenstift höchst vergnügliche Figuren daraus!

Natürlich wartest du nicht auf den nächsten Klecks oder Fleck. Lustvoll und ausgiebig produzierst du solche gleich selber mit Tinte, Tusche oder Wasserfarben. Du kannst dafür irgendein Papier verwenden, auch eines, das bereits bedruckt ist oder eine spezielle Struktur hat. Geeignet ist alles, was deiner Phantasie hilft, ihre Frühlingsgefühle auszuleben.

Ich wünsche dir viel Spass dabei!

Klecks und Fleck_Cartoon

P.S. Wie so manches ist auch das keine neue Erfindung. Bereits im 19. Jahrhundert wurden „Klecksographien“ gemacht. Heute liefern z.B. Peng und Hu mit ihrem Buch „Hirameki“ eine Fülle von Beispielen und Anregungen (Google weiss mehr darüber). Klecks oder Fleck als Ursprung haben z.T. auch die entzückenden kleinen Cartoons, welche Moni Sauerteig, eine Schülerin der Cartoonschule, hinzaubert (www.catoons.ch).

Da sein

Da sein

Als junger Student hatte ich einmal ein Erlebnis, dessen Bedeutung ich erst später erfassen konnte: Auf einem Spaziergang kam ich an einem eigenartigen Weg vorbei. Es war ein gepflegter, gerader Kiesweg, doch er war nur wenige Meter lang. An beiden Enden dieser kurzen Strecke stand ein Strassenschild – ein richtiges, genauso wie man es kennt. Der Name einer Person stand drauf, ich weiss nicht mehr welcher, und darunter ein Spruch:

Da sein heisst dort sein können. 

Ich fand es ausgesprochen lustig, dass sich jemand mit einem eigenen Weg ein Denkmal gesetzt hatte. Doch aus dem Spruch konnte ich mir keinen Reim machen. Das „da“ und das „dort“ wollten in meinem Studentenkopf nicht so recht zusammenpassen. Erst später habe ich den Sinn verstanden.

Es mag in der Stadtgärtnerei gewesen sein, wo ich versuchte, die Schönheit einer zarten Wicke mit dem Aquarellpinsel zu erfassen. Oder im Tierpark beim schnellen Skizzieren eines Büffels, der nie stillstehen wollte. Auf einmal konnte ich verstehen, was mit jenem seltsamen Spruch gemeint war.

Es heisst, dass du der Baum sein musst, wenn du den Baum zeichnen willst. Ein Mensch, der in seinem Kopf steckt, kann keinen Baum zeichnen, weil er ihn nicht wirklich sieht. Er sieht nur das Gedankenkarussell im Kopf.

Wenn wir nun etwas mit völliger Hingabe tun, kann es diesen Gnadenmoment geben: Das Karussell hört plötzlich auf, sich zu drehen. Wir sind weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft, sondern einfach da. Das ist ein schöner, friedlicher und glücklicher Augenblick.

Das Zeichnen, namentlich das Live-Karikieren, wo es so schnell geht, dass der Verstand oft gar nicht mehr mitkommt, hat mir immer wieder solche Gnadenmomente geschenkt. Die Erkenntnis daraus konnte ich aufs ganze Leben übertragen: In dem Masse, wie wir da sind, vermögen wir etwas wirklich zu erfassen. Das kann eine Wicke sein, ein Büffel – oder ein Mensch.

Wenn Hermann Hesse in Montagnola, wo er lebte, mit seinem Strohhut selbstvergessen in der Natur draussen sass und seine Aquarelle malte, mag er die folgenden Worte gefunden haben:

Im Augenblick, da das Wollen ruht und die Betrachtung aufkommt, das reine Sehen und Hingegeben sein, wird alles anders. Der Mensch hört auf, nützlich oder gefährlich zu sein, interessant oder langweilig, gütig oder roh, stark oder schwach. Er wird Natur, er wird schön und merkwürdig wie jedes Ding, auf das reine Betrachtung sich richtet. Denn Betrachtung ist ja nicht Forschung oder Kritik, sie ist nichts als Liebe. Sie ist der höchste und wünschenswerteste Zustand unserer Seele: wunschlose Liebe.

Eigenlob

Eigenlob

„Eigenlob stinkt!“ Wer hat diesen verbalen Hammer nicht schon gehört oder gar selber in der Kindheit zu spüren bekommen? In der wohlmeinenden Absicht, die Tugend der Bescheidenheit zu fördern, gibt manch eine Mutter, ein Vater oder sonst eine Autoritätsperson diesen Glaubenssatz einem Kind mit auf den Lebensweg. 

Offenbar stinkt niemand gerne, denn Eigenlob erlebt man selten. Die Selbstabwertung hingegen ist weit verbreitet. Wir sind gut geübt darin, uns kleiner zu machen als wir sind! Nun frage ich mich: Wenn Eigenlob stinkt – wie riecht dann wohl Selbstabwertung? Nach Lavendel oder Rosen? 

Doch werfen wir lieber noch einen Blick auf das Eigenlob. Wie wäre es, wenn du dir ab und zu ein solches gönnen und beobachten würdest, welcher Duft sich dann verbreitet? Du brauchst das Lob natürlich nicht laut auszusprechen – schon gar nicht andern gegenüber, du liebe Zeit! So weit wollen wir dann doch nicht gehen! Aber einfach so im Stillen, für dich allein.

 

 

Das kann aus irgendeinem Anlass sein, immer und überall im Leben. Besonders gut lässt sich ein Eigenlob anbringen, wenn du zeichnest, weil es da viele Gelegenheiten gibt, Fehler zu machen. Statt gleich den Zweihänder der Selbstabwertung auszupacken, könntest du es mal mit Eigenlob versuchen. Auch wenn bei einer Zeichnung noch nicht alles gelingt – ein Teil davon ist gut! Darauf – und nicht auf die Fehler – richte das Augenmerk und klopfe dir auf die Schulter! Das macht dem Fortschritt Beine und gibt Mut! Noch vorhandene Fehler kannst du korrigieren, einen nach dem andern. So werden deine Zeichnungen zusehends besser, und die Spirale nach oben beginnt sich zu drehen!

 Das Eigenlob ist besser als sein Ruf. Mach es zu deinem Verbündeten – und die Selbstabwertung kann verduften!

Geben und nehmen

Geben und nehmen

Mensch mit zugeknöpften Taschen,
dir tut keiner was zulieb.
Hand wird nur von Hand gewaschen,
wenn du nehmen willst, dann gib!

(Johann Wolfgang von Goethe)

Was Goethe mit diesem Vers so deutlich ausdrückt, betrifft wohl das Geld. Doch diese Aussage lässt sich direkt aufs Zeichnen übertragen. Das erlebe ich selber seit vielen Jahren immer wieder, deshalb möchte ich diese Erfahrung hier gerne mit dir teilen.

Beim Zeichnen gibt es so etwas wie einen Fluss. Er kommt aus einer Quelle und fliesst irgendwo hin. Die Quelle ist die Inspiration. Das ist vielleicht nur eine vage Idee. Erst im nächsten Schritt – in der Kreation – nimmt sie eine bestimmte Form an. Dann folgt das Dritte: die Kommunikation.

Wenn du eigentlich gerne zeichnen würdest, aber irgendwie feststeckst, der Zeichenstift in der Schachtel bleibt und die Muse dich partout nicht küssen will, dann liegt da der Hase im Pfeffer: Der Fluss fliesst nicht. 

 

Im stillen Kämmerlein für dich allein zu zeichnen mag schön, entspannend oder lustvoll sein. Doch wenn deine Werke in der Schublade bleiben, stockt irgendwann der Fluss. Es fehlt der dritte Punkt – die Kommunikation.

Hier kannst du den Hebel ansetzen: Finde einen Zweck für deine Zeichnungen, befreie sie aus der Schublade und mach etwas damit – am besten anderen Menschen eine Freude! Das gibt dem Fluss ein Ziel, und er kann zu fliessen beginnen!

So knöpfst du deine Taschen auf. Du gibst – und als Belohnung wirst du bekommen, was sich nicht erzwingen lässt: die Inspiration für immer neue Kreationen. Versuch’s, bei mir funktioniert es!

 

 P.S.
Wenn du das Gefühl hast, deine Zeichnungen seien nicht gut genug und müssten deshalb in der Schublade bleiben, komm in die Cartoonschule. Ich helfe dir gerne, den Fluss in Gang zu bringen!

Die drei heiligen Räume – der innere Raum

Die drei heiligen Räume

DER  INNERE  RAUM

Der dritte der drei heiligen Räume ist der wichtigste. Ohne ihn nützen die zwei anderen Räume nicht viel. So wie ein Stuhl mindestens drei Beine braucht, wenn er stehen soll, ist es notwendig, dass du dir einen dritten Raum schaffst – wenn du nicht wackeln willst.

Der dritte Raum – der innere Raum
Der dritte Raum ist unabhängig von Ort und Zeit. Er ist überall und jederzeit bei dir. Das heisst allerdings nicht, dass er dir immer zur Verfügung steht. Eher nicht. Du musst ihn zuerst entdecken und öffnen – deinen inneren Raum.

Es gibt ein Dreieck, ich nenne es das „Trigon der Ruhe“. Wenn du die ersten zwei Punkte – den äusseren Raum und den Zeitraum – erschaffen hast, steht dir die grösste Aufgabe bevor: den dritten Punkt zu erobern. Erst dann wird das Ganze zu einem Dreieck, und erst dann kehrt Ruhe ein.

Unsere pausenlos ratternde Denkmaschine ist es, die diese Ruhe stört. Der Verstand, der sich vom nützlichen Diener zum tyrannischen Herrscher aufgeschwungen hat, liebt Probleme. Deshalb schafft er ständig welche und macht viel Lärm und Betriebsamkeit. Damit versperrt er den Zugang zum inneren Raum, wie der Drache im Märchen den Eingang zur Schatzkammer.

Meditation ist der Zauber, mit dem du den dicken Drachen in eine freundliche Fee verwandelst. Sie gibt dir den Schlüssel, mit dem du das Tor zu deiner Schatzkammer öffnen kannst.

„Es führen viele Wege nach Rom“, heisst es. So gibt es auch viele Arten zu meditieren. Es muss nicht immer im Lotussitz sein! Das Zeichnen selber kann zur Meditation werden – wie jede Tätigkeit, die du mit Hingabe ausübst.

Selber meditiere ich täglich – oder nächtlich – im stillen Kämmerlein. Doch dort darf die Meditation nicht bleiben. Meines Erachtens hat sie erst dann einen Wert, wenn sie ins praktische Leben übergeht. Zu diesem Zweck habe ich mir ein Spielfeld geschaffen: Das Zeichnen. Und ganz besonders die Live-Karikaturen. Das heisst, Menschen treffend und schnell zu karikieren. Nicht in der geschützten Werkstatt des Ateliers, sondern mitten unter den Menschen. Im Trubel einer Publikumsmesse, im lärmigen Bierzelt, auf der Bühne, auf einem Ausflugsschiff oder im noblen 5-Sterne-Hotel. Über dreissigtausend Karikaturen habe ich in den vergangenen dreissig Jahren auf diese Weise gezeichnet.

Das sei hier nicht erwähnt, um mich zu beweihräuchern. Ich möchte damit nur sagen, dass ich diese anspruchsvolle Form des Zeichnens, in allen möglichen Umgebungen und zu jeder Tageszeit, nicht geschafft hätte ohne das „Trigon der Ruhe“. Und dieses hätte ich nicht gehabt ohne den dritten Punkt – den inneren Raum – den ich mir nach und nach erschlossen habe.

Nun brauchst du dein tägliches Brot nicht mit Live-Karikaturen zu verdienen. Wenn du zeichnest, tust du dies zur Freude, und das ist gut so! Dennoch, du kannst diese Freude und die Qualität deiner Zeichnungen erheblich steigern, wenn du nicht nur einen Ort im Aussen und etwas Zeit in deiner Agenda findest, sondern auch deinen inneren Raum.

Und du wirst merken, dass sein Segen weit über das Zeichenbrett hinauswirkt: Du kannst jede Tätigkeit – so gering sie erscheinen mag – veredeln, wenn sie aus diesem heiligen Raum heraus geschieht.

Die drei heiligen Räume – der Zeitraum

Die drei heiligen Räume

DER ZEITRAUM

Im letzten Newsletter haben wir den ersten Raum angeschaut, den du fürs Zeichnen benötigst, den Raum als Ort: Das Atelier, die Ecke im Wohnzimmer – oder den Küchentisch.

Hier wollen wir einen Blick auf den zweiten Raum werfen, den du fürs Zeichnen brauchst.

Der zweite Raum – der Zeitraum
Es wird gesagt, der Feind der Liebe sei die Zeit. Das kann sehr wohl aufs Zeichnen übertragen werden. Genau betrachtet ist – wie bei der Liebe – nicht wirklich die Zeit der Feind, sondern das Fehlen von Zeit.

Willst du zeichnen, schiebt sich oft ein grosses rotes T dazwischen und gräbt dem guten Vorsatz das Wasser ab, so dass nur noch ein Rinnsal übrigbleibt, das schliesslich ganz versiegt:

ZEITCHNEN

Wenn das immer wieder geschieht, solltest du dir als erstes eine Frage stellen:
  • Will ich wirklich zeichnen?
Beantwortest du diese Frage mit einem klaren JA, ist die zweite Frage fällig:
  • Warum will ich zeichnen?
Das ist die entscheidende Frage! Die Antwort darauf ist deine Motivation.
Motivation kommt vom Lateinischen „movere“ = bewegen. Je grösser deine Motivation ist, umso stärker ist dein Motor, und umso besser kommst du vorwärts!

 

Wenn wir noch etwas mehr Wortklauberei betreiben wollen: Zeichnen kann eine wunderbare Erfahrung sein. Der Begriff „fahren“ steckt in diesem Wort. Das Zeichnen ist tatsächlich eine Fahrt. Diese findet – vor allem am Anfang – nicht immer bei Sonnenschein in einer topfebenen Landschaft statt. Es sind all die Steigungen des technischen Könnens zu überwinden. Enttäuschungen kann es regnen, und vielleicht bläst dir der Gegenwind der Selbstabwertung ins Gesicht. Das sind alles Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Die Motivation ist dein Motor, der dich da hindurchbringt. Dann ist das Zeichnen eine wunderbare Chance zum Wachsen!

Hast du eine Antwort auf die zweite Frage gefunden?
Dann folgt die dritte:

  • Wo finde ich die Zeit zum Zeichnen?

Die Agenda ist wie eine Kommode. Meist gibt es keine leeren Schubladen da drin. Willst du etwas Neues hineinpacken, muss das Alte zusammenrücken – oder etwas davon muss raus. So ist es mit der Zeit fürs Zeichnen. Sie ist nicht einfach da. Du musst erst Platz für sie schaffen. Damit es kein Gedränge oder Durcheinander in deinen Zeitschubladen gibt, ist es sinnvoll, etwas rauszuschmeissen. Doch was?

Es sind natürlich nicht die Stunden, die du in deinen Beruf investierst. Auch die sozialen Kontakte sollten nicht zurückgestutzt werden. Diese sind ohnehin meist spärlich dotiert. Was sich anbietet, sind die grossen Zeitfresser. Wir wollen hier keine Namen nennen… Gut möglich, dass sich die Schubladenbewohner, die dafür in Frage kommen, wehren wie der Käfer im Dreck.

Hier entscheidet es sich, wie stark deine Motivation ist und wer letztlich die Oberhand gewinnt.